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II. Ein Hoch für die Rockmusik

 

Erstaunlicher Weise, werter Leser, bleibt die Tatsache,  dass die Stimmung einer Band ihre Außenwirkung deutlich beeinflußt, auch in großen Kreisen der Musikfachwelt trotz ihrer erheblichen Tragweite weitestgehend unbeachtet. Noch viel weniger Aufmerksamkeit fällt damit all denjenigen Faktoren zu, die diese Stimmung nachhaltig modifiziern können und somit letztendlich entscheidend für den Publikumszuspruch (oder neudeutsch "catch-factor") sind. Ich möchte mich in diesem Tagebuchkapitel etwas näher mit einem solchen Faktor beschäftigen. Einem Faktor der aufgrund seiner Universalität nur schwer bis überhaupt nicht zu lenken ist- dem Wetter.

 

Ja, Sie haben richtig gelesen. Das Wetter beeinflußt das Musikschaffen in solch grundlegender Weise, dass es mir unerklärlich erscheint, dass  die Wissenschaft der Meteoro-Phono-Perzeptik (die sogenannte Meteoro-Phono-Perzeptologie) noch nicht nachhaltigeren  Einzug in die nationale und  internationale Musikhochschullandschaft gehalten hat. Lassen Sie mich versuchen, Ihnen diese Musik-Wetter-Dependenz mit einigen Beispielen aus dem realen Bandalltag plausibel zu machen.

 

Situation 1 (Offene Ladefläche eines LWK, Mitte Februar, in Mitteleuropa nördlich des Alpenhauptkammes):

Nachdem ich mit klammen Fingern die Schneeflocken von meiner Keyboardtastatur gewischt habe, die der eisige Wind noch nicht weggeblasen hat, schweift mein Blick zu Valli, der sich hinter sein festgespaxtes Drumset duckt und sich wie ein Schneekönig freut, dass er sich doch die doppelgenoppten Drummergloves gekauft hat. (Eigentlich zur Vermeidung von Blasenbildung im Handflächenbereich aufgrund ekstatischer Schlagzeugbedienung gedacht, bewährten sie sich erfreulicherweise auch zur Frostbeulen-Prävention an nämlicher Stelle). Daneben steht Domi, dem sein Instrument bei der Musikausübung kein Tragen von Handschuhen gestattet und den nur der erhebliche Neuanschaffungspreis davor zurückhält, seine (im wahrsten Sinne des Wortes) heißgeliebte Gibson Les Paul als Rohstoff für die Entflammung eines kleinen wärmenden Feuerchens zweckzuentfremden... In diesem Setting ist eine exzessive Bühnenperformance zur Vermeidung der Froststarre lebensnotwendig. Filigrane Sechzehntel-Arppegio-Läufe mutieren zu pumpenden Viertelstaccatos. Nie war ein Powerchord so wertvoll...

 

Situation 2 (Enges Kneipengewölbe, Anfang August, in Südosteuropa südlich des Alpenhauptkammes):

Nachdem ich mit einem Handtuch vergeblich versucht habe das Schweiß-Aquaplaning auf der Keyboardtastatur etwas einzudämmen, schweift mein Blick zu Armin, der sich hinter dem festgespaxten Drumset in den Luftzug eines Ventilators duckt, während er seine Brillengläser von Kondenswasserspritzern befreit, die jeder Schlag auf die Becken durch die Luft jagt. Daneben steht Chick, dem sein Instrument keine Belüftung der sensiblen Beckenregion gestattet und der sich nach einem (zugegebenermaßen geilen) Solo in einem Zustand irgendwo zwischen Hyperventilation und Hitzschlag befindet.... In diesem Setting ist eine exzessive Bühnenperformance wegen Hitzetodgefahr lebensgefährlich. Filigrane Sechzehntel-Arppeggio-Läufe werden unwillkürlich durch Reggae Backbeats ersetzt. Nie war Half-Beat so wertvoll...

 

Es liegt auf der Hand , dass ein und dasselbe Musikstück in den geschilderten Situationen eine unterschiedliche Klangfarbe bekommt, und eine der Hauptursachen hierfür ist augenscheinlich das meteorologische Rahmenprogramm. Aber nicht nur auf die Musikschaffenden hat das Wetter intensiven Einfluß, sondern auch ihre Instrumente sind Spielbälle der Launen der Natur. Deshalb nehmen Musiker nicht geringe Anstrengungen auf sich, ihre Klangerzeuger vor Wetterunbill zu schützen. Dies erklärt auch die teilweise geradezu schizophren anmutende Hassliebe einer Vielzahl von Musikern zu Open Air Auftritten. (Zumindest derer, die ihre eigenes Equipment im Wetterroulette einsetzen...) 

Dementsprechend ist jedem dieser Musiker klar, dass der Song "Let It Rain"   

1. die romantisch-melancholische Phantasie eines nicht aktiv auftretenden Songwriters und

2. eine Studioproduktion ist.

Denn Regen ist die Hauptodesursache für elektronisches Instrumentarium neben umgeschüttetem Bier...

 

Doch auch Temperaturschwankungen haben ihre Tücken, insbesondere für zart besaitete Instrumente. Mit 5 °+/- wird aus einer gefühlvoll-romantischen Gitarrenballade ein Ausflug in die atonale Schönberg´sche Zwölftonmusik. Und auch ein Saxophon kann durch Senkung der Umgebungstemperatur einem Song stets eine (oder mehrere) -nicht zwingenderweise passende- neue Note(n) geben. Smartie und unsere Innenohr-Haarzellen können davon ein leidvoll Lied pfeifen... 

 

Lediglich dem archaischen Schlagwerk können Wetterkapriolen unterhalb des Ausmaßes eines Hurricanes nichts anhaben. Dies liegt in ihrem frühsteinzeitlichen Ursprung begründet, der Sie mit einer gesunden Robustheit versah. Diese Schlichtheit ließ  sie auch das Einwirken mehrerer Eiszeiten unbeschadet überstehen und begründet ihren legitimen Anspruch für das Rock im Rock´n Roll zu stehen. (Vor diesem Hintergrund erscheinen jegliche Versuche seitens ambitionierter Gitarristen, dies für ihr Musikinstrument zu beanspruchen, mehr als lächerlich... Andererseits gibt es auch böse Zungen, die Schlagzeuger als Menschen bezeichnen, die mit Musikern rumhängen...)

 

Nun möchte ich Sie, werter Leser,  mit diesem  höchst anschaulichen Bild vorerst alleine verweilen und reflektieren lassen, um mich umgehend meinen "Silent Moves" /Abraxas Vorbereitungen voll und ganz zu widmen... Doch behalten Sie in Zukunft auch Folgendes stets vor Augen: 

 

"Schallt bei Nacht ein Entenschrei, könnt`es au` a Saxer sei!"

 

So long

Doc 

 
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